Warum der Netzausbau notwendig ist
27. Juli 2016
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Not in my Backyard?

Die deutsche Bevölkerung will weg von qualmenden Schornsteinen, rußenden Großkraftwerken und aufheulenden Verbrennungsmotoren. Energiewende klingt sauber und sexy. Doch sobald ein Windrad die Aussicht aus dem eigenen Garten zu verschandeln droht, oder eine Stromtrassen über Nachbars Feld geführt werden soll, regt sich Widerstand. Energiewende ja, aber bitte nicht bei mir.
In der Energiewende freuen wir uns über den ständig steigenden Anteil regenerativer Energien an der Stromerzeugung. CO2-neutrale Energie ist das Stichwort. Das Ziel lohnt sich, also blenden wir die Probleme gerne aus, solange sie sich nicht vor unserer Haustür abspielen.
Die in Deutschland genutzten regenerativen Energien Sonne und Wind sind unzuverlässig. Wer kann schon Wind und Sonne nach Bedarf planen? Damit an windstillen Wolkentagen niemand im Dunklen sitzt, müssen Kraftwerkkapazitäten vorgehalten werden, die notfalls einspringen können, um Engpässen zu überbrücken. Unglücklicherweise produzieren Großkraftwerke nicht von jetzt auf gleich Strom, je nach Größe und Art benötigt ein Kraftwerk Stunden bis Tage um hochzufahren. Oft muss daher Strom aus dem Ausland zugekauft werden, um solche Engpässe zu vermeiden.

Negative Strompreise

Doch auch bei hohem Stromertrag, heißt dies nicht, dass der Strom in dem Moment auch wirklich benötigt wird. Vielmehr besteht die Gefahr, dass das Netz aufgrund zu hoher Spannung überlastet. So kann das wertvolle Gut Elektrizität teuer für den Netzbetreiber werden. Gibt es zuviel Strom im Netz und fehlt es an Abnehmern, die bereit sind für den Strom zu zahlen, zahlt der Netzbetreiber sogar dafür, dass ihm der Strom abgenommen wird um einen Netzausfall zu vermeiden. Da der Ausbau der Regenerativen immer weiter voranschreitet, häuft sich auch das Phänomen. Gab es 2011 nur sechs Tage mit negativen Strompreisen, lag diese Zahl 2015 schon bei 25 Tagen. Zwar gibt es die Hoffnung, durch intelligentes Lastmanagement und Speichersysteme, Negativpreistage künftig vermeiden zu können, doch schreiten technische Innovation und Implementierung nicht so schnell voran, wie der Bedarf. Wenig hilfreich ist dabei auch das Sträuben der bayerischen Landesregierung dem Netzausbau zuzustimmen. Obschon Bayern aufgrund seiner vielen Sonnenstunden Hauptnutznießer der EEG-Förderung auf Solarstrom ist, hört bei Windkraft aus Norddeutschland die Solidarität an der Freistaatgrenze auf, zu Lastern der Bürger. Doch ist der Netzausbau vor der eigenen Haustür so unpopulär, dass viele gar nicht sehen wollen, wie teuer diese Verweigerungshaltung für sie als Verbraucher letztendlich ist.

Mangelde Kapazitäten im Stromnetz

Das deutsche Netzproblem ist auch unseren Nachbarn nur zu bewusst. Denn das Stromnetz hat den freien Warenverkehr nach EU-Recht ebenso zu gewährleisten, wie auch Autobahnen keine LKWs aus anderen EU-Ländern diskriminieren dürfen. Doch im Gegensatz zur Autobahn hat das deutsche Netz einen denkbar schlechten Ruf bei seinen Nachbarn. Es gilt als verstopft und marode und bietet gar Anlass zur Klage vor der EU-Kommission.
Ende April 2016 haben Dänemark, Norwegen und Schweden offiziell Be­schwer­de gegen Deutschland eingereicht, da der schlechte Zustand des deutschen Netzes den Ver­kauf skandinavischen Ökostroms nach Südeuropa behindert. Sollte Deutschland das Problem nicht in den Griff bekommen, droht eine Aufspaltung des nationalen Stromnetzes in mehrere Preiszonen, um durch Wettbewerb den Druck für den Netzausbau zu erhöhen. Prognosen gehen davon aus, dass dies zu höheren Strompreisen südlich des Mains und günstigeren im Norden führen würde.
Die Verweigerungshaltung einiger Entscheidungsträger beim Thema Netzausbau dürfte die Verbraucher am Ende dadurch noch teurer zu stehen kommen. Doch Bereits 2015 beliefen sich die Extrakosten für den aufgrund des schlechten Netzes nötigen „Redispatches“, also der Notwendigkeit zusätzliche Kraftwerkskapazitäten zu nutzen, weil der Strom nicht den Weg zum Verbraucher findet, auf zirka eine Milliarde Euro, Tendenz steigend.

Die Herausforderung

Der Netzausbau muss also dringend voranschreiten, damit die Strompreise nicht weiter steigen müssen. Doch gibt es auch Möglichkeiten das Netz durch KWK-Technik zu entlasten. Mini-Blockheizkraftwerke sind in unter einer Minute hochgefahren und können helfen, den Strom zielgenau dort zu produzieren, wo er benötigt wird. Viele kleine Kraftwerke bilden so ein großes virtuelles Kraftwerk, das intelligent und bedarfsorientiert angesteuert werden könnte. Zwar wird dies die Notwendigkeit des Netzausbaus nicht beseitigen — dafür ist der Bedarf einfach zu groß — virtuelle Kraftwerke könnten jedoch den Kostendruck für Verbraucher senken helfen.

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