Nachhaltigkeit im Frankfurter Presseclub
9. Juli 2015
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Pressemitteilung

Nachhaltigkeit im Frankfurter Presseclub

FRANKFURT – Die Stadt Frankfurt am Main hat einen Contracting­vertrag für das Palais Livingston geschlossen, um so den Frankfurter Presseclub (FPC) und das Restaurant „Herr Franz“ mit umweltfreundlicher Energie zu versorgen. Am 24. Juni 2015 wurde das von kraftkontor betriebene und über die Nachhaltigkeits-Crowdfundingplattform bettervest.de refinan­zierte Mini-Blockheizkraftwerk feierlich mit Vorträgen zum Thema Nach­haltigkeit durch Energieeffizienz eingeweiht. Hauptredner war Walter Hirche, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundesregierung und der Ethikkommission Sichere Energie­versorgung.

Für Energieeffizienz im Gebäudebestand ist das Palais Livingston im Herzen des Frankfurter Westends ein Vorzeigeobjekt, in das das Energiecontractingunternehmen kraftkontor und die Crowdfunding-Plattform bettervest.de zur Einweihung eines neuen Blockheiz­kraftwerkes am 24. Juni 2015 einluden. Als Pferdestall war das neobarocke Palais 1880 durch den in den Vereinigten Staaten während des Kalifornischen Goldrausches reich gewordenen Bad Vilbeler Kaufmannes Marx Livingston errichtet worden. Nur durch großen Widerstand, der aus Studenten­bewegung und Frankfurter Bürgern geborene Aktions­gemeinschaft Westend e.V., konnte das architektonische Kleinod 1967 vor dem Abriss durch eine Investmentfirma bewahrt werden und ging schließlich in das Eigentum der Stadt Frankfurt am Main über.

Als der Frankfurter Presseclub im Jahr 2011 beschloss, seinen alten, zu klein gewordenen und durch Baulärm belasteten Sitz am Frankfurter Römer aufzugeben, plante der FPC gemeinsam mit der Stadt eine Sanierung mit modernem, gedämmtem Innenausbau und neuer Heizung hinter historischer Fassade. „Das Gebäude war ein Glücksfall“, betonte Monica Weber-Nau, Geschäftsführerin des Frankfurter Presseclubs, während sie die gut 50 Gäste in ihrem Grußwort durch die bewegte Geschichte des Hauses führte.

Im Jahr 2013, wurde durch Franz Zlunka, den im Palais mit seinem Restaurant „Herr Franz“ tätigen Gastronom, der Kontakt zur Energie­contractingfirma kraftkontor GbR angebahnt und die Idee geboren, das Gebäude durch ein Mini-Blockheizkraftwerk mit einem VW-Motor mit 19,2 kW elektrischer Leistung energieeffizient nachzurüsten. „Es war eine kompetente und produktive Zusammenarbeit mit dem Liegenschaftsamt und dem Energiemanagement der Stadt“, freute sich kraftkontor Co-Geschäftsführer Christophe Brandenburg, der besonders die Bedeutung des Contractings für die energetische Sanierung des Gebäudebestandes in Deutschland betonte. Deutschland will 80 Prozent Kohlenstoffdioxyd im Gebäudebestand bis 2050 einsparen, erläuterte Brandenburg.

Da es Energieeffizienz nicht zum Nulltarif gibt — nach einer Studie von Ulrich Fahl kann man mit 611 Euro über Photovoltaik eine Tonne CO2 einsparen oder die fast 18-fache Menge mit Erdgas-Kraftwärmekopplung (KWK) einsparen — setze kraftkontor auf KWK-Technik. „Eigentümer von vermieteten oder verpachteten Gebäuden scheuen oft die Investition in neue Technik, denn für sie sind die Energiekosten nur ein durchlaufender Posten, den am Ende der Mieter zahlt. Contracting erspart dem Eigentümer die Investition und bei kraftkontor sparen Mieter und Pächter jährlich zudem einen Durchschnittsmonat Strom- und Wärmekosten,“ ergänzte der Geschäftsführer in seinem Grußwort

Für die Stadt Frankfurt war es dabei besonders wichtig, dass kraftkontor auch die Wartung der bestehenden Heizungsanlage übernimmt. „Eine klare Systemgrenze und damit klare Verantwortlichkeiten waren uns wichtig“, betonte Mathias Linder, Leiter des städtischen Energiemanage­ments, „Normalerweise führt die Stadt alle Effizienzmaßnahmen an städtischen Gebäuden selbst durch. Warum sollen wir Geld an Private verschenken, das wir auch selbst verdienen können?“ Mehr als 175 Millionen Euro hat das Energiemanagement der Stadt bereits für das Stadtsäckel verdient und Mathias Linder ist sichtlich stolz darauf. „Wir sind eine der energieeffizientesten Städte und Gemeinden bundesweit. Alle unsere Maßnahmen können transparent im Internet eingesehen werden.“

Auf die Frage, warum es im Palais Livingston dennoch zu einer Zusammenarbeit mit einem Privatunternehmen kam, antwortete Linder: „Unser Fokus liegt auf von der Stadt selbst genutzten Gebäuden, insofern ist das Palais Livingston als Pachtobjekt ein Sonderfall, doch sind wir froh über jede Einsparung in städtischen Gebäuden und so kam das Angebot von kraftkontor unerwartet aber gelegen.“

„Es ist eine Win-Win-Win-Situation“, fügte Christophe Brandenburg hinzu, „Wir sparen jährlich mehr als 30 Tonnen CO2 für die Umwelt, unsere Kunden sparen Kosten und kraftkontor verdient Geld mit Strom- und Wärmeverkauf.“ Da die Investitionskosten jedoch nicht ganz günstig waren — Brandenburg verriet, die Anlage habe einen sechsstelligen Betrag gekostet — beschloss kraftkontor eine Refinanzierung über die Nachhaltigkeits-Crowdfunding­platt­form bettervest.de. „Das war eine neue Erfahrung für uns. Doch ein Public-Private-Partnership in einem derart historisch wertvollen Gebäude war unserer Meinung nach dafür geradezu prädestiniert.“

„Crowdfunding ist ein neudeutscher Name für ein eigentlich recht altes Konzept“, erklärte bettervest.de-Geschäftsführer Patrick Mijnals. „Es ist mit einer Genossenschaft zu vergleichen. Viele Menschen tun sich zusammen, um ein gemeinsames Projekt zu finanzieren. Am Ende profitieren alle von den Erträgen. Dabei ist bettervest.de die erste Crowdfunding-Plattform weltweit mit einer Spe­zialisierung auf Energie­effizienz und Nachhaltigkeit.“

Auch einige der Investoren waren erschienen, um sich vor Ort anzusehen, worin sie investiert hatten. Gelegenheit dazu bot sich bei der Besichtigung der Energieerzeugungsanlagen mit den Ingenieuren Alexander Anspach und Ulrich Weber. Dabei erfuhren die Gäste auch einiges über die besonderen Herausforderungen des Projektes Livingston-Palais. „Wir mussten das Blockheizkraftwerk ohne Chassis in den Keller transportieren und dort wieder montieren, da die Treppe sonst zu eng gewesen wäre“, erläuterte Ulrich Weber.

Das ergasbetriebene Mini-BHKW hat einen Gesamtwirkungsgrad von 94,7 Prozent. „Zum Vergleich“, weiß Christophe Brandenburg, „die Dampfmaschine von James Watt hatte nur eine Effizienz von knapp zwei Prozent und leitete damit die Industrielle Revolution ein.“ Diese hohe Effizienz gegenüber anderen Technologien sei es, die Kraft-Wärme-Kopplung so umweltfreundlich und ökonomisch macht. Damit das Blockheizkraftwerk diese Effizienz optimal ausnutzen kann, wird die Anlage im Palais Livingston durch Wärmepufferspeicher unterstützt. So kann produziert werden, wenn im Gebäude Strom benötigt wird und die Wärme wird zwischengespeichert, bis diese benötigt wird.

Christophe Brandenburg gab auch noch eine weitere Anekdote über James Watt zum Besten, um zu erklären, was Energiecontracting eigentlich ist. James Watt, der Probleme hatte, seine Dampfmaschine an den Käufer zu bringen, soll damals aus der Not heraus auf die Idee des Contractings gekommen sein und verkaufte dieses so: „Ich werde Ihnen eine Dampfmaschine zur Verfügung stellen und garantiere Ihnen, dass die Kohle für die Maschine Sie weniger kostet, als das Futter für die Pferde, die derzeit die gleiche Arbeit für Sie verrichten. Das einzige, was ich von Ihnen erwarte, ist, dass Sie mich an Ihrer Ersparnis beteiligen.“

Er bedauert: „Viele Contractingunternehmen haben diesen Grundsatz verlassen. Oft wird nur noch damit geworben, dass eine Heizungsanlage kostenlos oder günstiger umgebaut wird, während der anschließende Ertrag nicht mit dem Kunden geteilt wird. Aus unserer Sicht ist dies nicht fair. Wir wollen über zehn oder mehr Jahre mit unseren Kunden zusammenarbeiten. Ein Vertrauensverhältnis ist da sehr wichtig. So wundert es nicht, dass unsere Kunden uns gerne weiterempfehlen.

Walter Hirche, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und in der Ethikkommission Sichere Energieversorgung zeigte sich von Konzept und Technik fasziniert: „Hier zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht immer von High-End-Technologie abhängig ist. Das Konzept der Kraft-Wärme-Kopplung ist ja eigentlich recht simpel: Ein Motor erzeugt Strom und anstatt die Wärme zu vergeuden wird diese genutzt. Deutschland hat viel getan im Bereich der sogenannten grünen Energien wie Solar- und Windkraft, doch im Bereich Effizienz liegen noch viele unausgeschöpfte Potenziale verborgen. Dabei betont der Rat für Nachhaltige Entwicklung schon lange die Bedeutung von Energieeffizienz.“

Hirche weiß wovon er spricht. Als Minister für Wirtschaft und Technologie in Niedersachsen hatte er schon in den 1980er Jahren Energieeffizienz gefördert und auch später als Angela Merkels Staatssekretär im Bundesumweltministerium auf neue Tech­nologien zur Erreichung der Kyoto’er Klimaziele gesetzt. „Nachhaltigkeit ist das große Thema unserer Zeit, sowohl im Bereich Bildung, als auch Soziales, Wirtschaft und Umwelt. Die UNESCO betont dabei die vier wichtigen Ressourcen Wasser, Luft, Energie und Boden besonders. Wenn wir diese nicht verschwenden wollen, müssen wir lernen effizienter mit ihnen umzugehen. Effizienz bedeutet letztlich nicht nur eine lebenswertere Umwelt, sie stellt auch einen ökonomischen Faktor dar: Effizienz spart Kosten und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit.“ Ausdrücklich bedauert Hirche dabei, dass Effizienzmaßnahmen oft das Stiefkind der Energie­wende sind und hofft, dass Veranstaltungen wie diese es erlauben, die Bedeutung dieses Themas deutlicher hervorzuheben.

Während der angeregten Gesprächsrunden im Anschluss an die Vorträge, scherzte Patrick Mijnals gegenüber Walter Hirche: „Effizienzmaßnahmen sind viel weniger das Stief- als das Kellerkind. Photovoltaik sieht man auf jedem Dach und Windräder an jeder Autobahn, doch Effizienzmaßnahmen verrichtet ihre Arbeit meist hinter verschlossenen Kellertüren.“

Foto Copyright bettervest.de

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