Einführung in die Nachhaltigkeit
27. Juli 2016
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Ein Kurztrip durch die historischen und wissenschaftlichen Grundlagen

Nachhaltigkeit ist kein rein abstrakter Begriff, sondern eine konkrete Zielvorgabe. Es geht nicht darum, den Planeten Erde zu retten — diesen wird es auch noch lange nach der Menschheit geben — sondern die Lebensgrundlagen für die Menschen zu bewahren und nachfolgenden Generationen eine Welt zu überlassen, die uns lebenswert erscheint.

Ursprung des Nachhaltigkeitsbegriffs

Anno 1713 führte Hans Carl von Carlowitz den Nachhaltigkeitsbegriff ein, um mit diesem darauf hinzuweisen, dass nur so viel Holz geschlagen werden darf, wie nachwächst. Dieser Gedanke war in der europäischen Holzwirtschaft keineswegs neu. Bereits im 14. Jahrhundert hat­ten vereinzelte Landesfürsten bemerkt, dass die wertvolle Ressource Wald nicht unerschöpflich ist. Diese Erkenntnis griff jedoch nur langsam. Kurzfristiges Gewinnstreben und der Be­darf an Holz als Baustoff für Häuser, im Bergbau und für Kriegs- und Handelsschiffen im Wettrennen um die Eroberung der Neuen Welt führten dazu, dass wei­te Waldgebiete Europas auch noch in den folgenden Jahrhunderten verloren gin­gen. Auch der Bedarf an landwirtschaftlichen Nutzflächen stieg weiter und führte zur Verdrängung von Wald.

Die Katastrophe die nie kam

Diesen Trend betrachtete auch der britische Öko­nom Thomas Malthus mit Sorge. Malthus erkannte, dass Bevölkerungswachstum exponentiellen Regeln unterliegt, während hingegen landwirtschaftliche Erträge nur li­near proportional zu der Be­wirt­schaftung neuer Flächen wüchsen. In der sogenannten Malthus-Katastrophe würde es also dazu kommen müssen, dass eines Tages der Nahrungsbedarf die verfügbaren Erträge übersteigen würde und Hungersnöte und soziale Destabilisierung daher unausweichlich seien.
Vorhersehen konn­te Malthus aber nicht, was später als „Grü­ne Revolution“ in die Geschichtsbücher ein­gehen sollte: Das exponentielle Wachstum der landwirtschaftlichen Erträge aufgrund von Kunstdüngern, Pestiziden und durch Zucht. Trotz des Ausbleibens seiner Prophezeiung bleibt Malthus in der modernen Nachhaltigkeitsdebatte relevant: Hieß es noch in den 80er Jahren, dass der Reichtum der Meere unerschöpflich sei, wissen wir heute nur zu gut, wie viele Fischarten über­fischt sind und wie nah am Aussterben Tierarten sind, in deren Habitate der Mensch zunehmend eindringt.

Warum allgemein verfügbare Ressourcen bepreist werden müssen

William Forster Lloyd formulierte hierzu 1833 den Begriff der „Tragik der All­mende“. Die Allmende ist ein mittelalterlicher Aus­druck für Allgemeingut, beispielsweise Bergwiesen, auf denen alle Bauern einer Gemeinde ihr Vieh weiden dürfen. Nun wächst auf einer Wiese nicht unendlich viel Gras. Sie kann also nur eine bestimmte Menge an Tieren dauerhaft ernähren. Ideal wäre es aus Nachhaltigkeitserwägun­gen, diese Kapazität nicht zu überfordern.
Jeder einzelne Bauer hat jedoch ein Interesse daran, möglichst viele seiner Tiere auf Kosten der Allgemeinheit durchzufüttern. Im Falle einer Überweidung sind nach der Spieltheorie zwar alle Verlierer, doch der größte Verlierer ist der Bauer, der im Interesse aller Mäßigung übt, während derjenige, der die Allmende über Gebühr nutzt zwar den gleichen Schaden erleidet wie die übrigen Bau­ern, jedoch bis zum Zeitpunkt der Kapazitätserschöpfung den größten Nutzen gezogen hat.
Dieser Gedanke lässt sich auf alle Ressourcen übertragen, die kostenfrei oder unter Wert einer Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, deren Bedarf aber die Kapazitäten übersteigt, seien dies Fischgründe, Land, Atmosphäre oder eben Bergwiesen. Dass das System der Allmende trotzdem Jahrhunderte lang funktionierte, lässt sich durch Mechanismen der sozialen Kontrolle in kleinen Gemeinschaften erklären, in de­nen jeder sich namentlich und direkt gegenüber seinen Nachbarn und Mitmenschen für antisoziales Verhalten verantworten musste. Je globaler und anonymer ein System jedoch wird, desto weniger greifen solche Kontrollmechanismen und müssten ökonomischen und recht­lichen weichen.

Die Nachhaltigkeitsformel

Üblicherweise wird die I=PAT-Formel ge­nutzt, um die Auswirkung mensch­li­chen Verhaltens auf die Umwelt zu beschreiben. I=PAT steht für Impact = Population × Afflu­en­ce × Technology. Auf Deutsch: Aus­wir­kung = Bevölkerung × Wohlstand × Technologie.
Anders aus­ge­drückt ist der Einfluss der Menschheit auf die Umwelt direkt ab­hän­gig von der Weltbevölkerung multipliziert mit dem Durchschnittsressourcen­ver­brauch jedes Einzelnen aufgrund des Wohl­standsniveaus multi­pliziert mit dem Um­welteinfluss der Technologie, die den Wohlstand zur Verfügung stellt. Solange also die Weltbevölkerung nicht deutlich sinkt und das Wohlstandsniveau weltweitsteigt, sind umweltfreundliche und ressour­ceneffi­zien­te Technologien und das Be­wusst­sein um die Konsequenzen unseres Handelns der beste Umweltschutz.

Götter aus Stein als Mahnmal

Ob wir dennoch auf eine existenzielle Katastrophe für die Menschheit zusteuern bleibt in der Wissenschaft umstritten. In der Diskussion machen Schreckenszenarien, dass wir als Menschheit mittlerweile die Ressourcen von drei oder gar fünf Erden nutzen, die Runde. Wie valide diese Zahlen sind, ist nur schwer festzustellen. Viele Indikatoren sprechen für eine Übernutzung, doch sind die Wechselwirkungen zu kompliziert, um Fragen dieser Art eindeutig beantworten zu können, so dass Akteure, insbesondere Umweltschutzgruppen durch hohe Zahlen die Dringlichkeit auf das Pro­blem fokussieren wollen. In der Bevölkerung hingegen führen diese hohen Zahlen oftmals mehr zu einer fatalistischen Frustration: Was kann der Einzelne schon tun? Warum sollte er sich angesichts seiner Hilf­losigkeit überhaupt noch scheren und was sind die Konsequenzen?
Diese Fragen sind direkt gepaart mit der Frage, warum es der Forschung so schwerfällt, eine Prognose abzugeben, wie sich bestimmte Katastrophenszenarien auswirken. Grundsätzlich ist das Problem der Res­sour­cengrenzen und -erschöpfung be­kannt, nehme man nur das Beispiel Oster­insel. Hier hatte die einheimische Bevölkerung aus religiösem Wahn nach und nach die Inseln entwaldet um auf den Baumstämmen ihre Moais (Ahnen- oder Götterfiguren) aus den Steinbrüchen zu ihren Aufstellungsorten zu verfrachten. Doch an­statt sich damit den Schutz der Götter zu sichern, hatte man sich die eigenen Lebensgrundlagen entzogen. Die Konsequenz war ein kompletter gesellschaftlicher Kollaps, Hungersnöte und Kannibalismus als Überlebensstrategie.
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Das Problem der Bewertung im Prozess

Ma­the­matisch lässt sich dieses Phänomen in einer Kurve beschreiben, der sogenannten J-Kurve.  Hier wächst der Ressourcenverbrauch exponentiell an, ü­b­ersteigt irgendwann die Kapazitätsgrenze, die einen nachhaltigen Fortbestand erlaubt, beginnt die Ressourcen aufzuzehren, bis die Lebensgrundlage entzogen ist und die Spezies selbst kollabiert.
Aus der Biologie ergibt sich jedoch, dass es zu der J-Kurve noch eine Alternative, die sogenannte S-Kurve gibt. Hier steigt der Ressourcenbedarf ebenso exponentiell an, wie in der J-Kurve, stabilisiert sich jedoch an der Kapazitätsgrenze. Diese Stabilisierung ist zum Beispiel beim Wachstum von Bakterien in Petrischalen zu beobachten.

Der Strohhalm der Nachhaltigkeit

Wenn wir uns an die I=PAT-Formel erinnern, gibt es drei grobe Faktoren, die den Ressourcenbedarf bestimmen, unter Ihnen der Faktor Bevölkerung. Interessanterweise lässt sich in Industriestaaten beobachten, dass sich die Bevölkerung ab einem bestimmten Wohlstandsniveau stabilisieren kann oder sich sogar leicht rückläufig entwickelt. Dieser Trend wird in der Regel so erklärt, dass eine Bevölkerung, die mehr Einkommen generiert, als sie zum Leben benötigt, für das Alter vorsorgen kann. Die Notwendigkeit der Zeugung von Kindern für die Alterssicherung entfällt daher trotz steigender Lebensdauer. Zeitgleich wird auch die Selbstbestimmung der Frau als entscheidender Faktor betrachtet, die aufgrund von Aufklärung, der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und zunehmender wirtschaftlicher Unabhängigkeit selbst den Kinderwunsch planen kann und nicht mehr als Schicksalsmacht begreifen muss.
Global betrachtet stellt die Entwicklung der Industrieländer, trotz ihres höheren Res­sour­cenbedarfs, somit einen Lichtblick in der Nachhaltigkeitsdebatte dar, da das Bevölkerungswachstum als entscheidenster Faktor für alle Kapazitätsgrenzen be­trachtet werden muss. Denn selbst wenn es uns gelingen sollte, Energie komplett CO2neutral zu erzeugen, wären Themen wie Übersäuerung der Ozeane, Schwermetallbelastung, Bodenerosion noch immer nicht gelöst. Daher sollte Technologie vor allem auch als Chance in der Nachhaltigkeitsdebatte gesehen werden und nicht in erster Linie als Risiko.

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